filmforum – was ist das?

filmforum – was ist das?

Marlene schaut aufs wartende Kinopublikum herab. Kunst– und huldvoll. Bilder der Dietrich geben der Fassade des ältesten Kommunalen Kinos im Lande programmatischen Charakter. Ihr Bild macht deutlich, wie das „filmforum“ am Dellplatz mit Kultur den Abend und die Leinwand füllt: Kino will mehr sein als Ablenkung vom Alltag, kann den Blick richten, die Wirklichkeit neu und anders zu sehen, muss hinter den schönen Schein schauen.
Das funktioniert. Duisburgs Kinofreunde suchen und besuchen ein anspruchsvolles Filmprogramm. Das Kino boomt. Und es hat prominente Fans, zum Beispiel Oberbürgermeister Adolf Sauerland: "Das filmforum ist nicht nur für Cineasten ein kleines Juwel, sondern für Duisburg ein Anziehungspunkt, der weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlt. Ein Stück urbaner Kultur, auf das wir stolz sind“ sagt der erste Mann in der Stadt.
Die Schauspielerin Christine Sohn nennt es schlicht „Mein Lieblingskino“. Auch Helge Schneider gehört zu den bekennenden „filmforum“-Besuchern.

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Multitalent Helge Schneider
bei uns im filmforum

Ein fliegender Wal

Das Kino am Dellplatz fand immer mehr Anhänger – ab Mitte der 90er wurde es eng im alten Haus – das Schild AUSVERKAUFT las man immer öfter. 2002/2003 war es dann soweit: Für etwa eine Million Euro (finanziell gefördert zu 80 Prozent durch das Land und zu 10% durch die Filmstiftung NRW) schweißte der Duisburger Architekt Peter A. Poelzig einen „fliegenden Wal“ an die Fassade des Innenhofs.

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Der ehemalige Wirtschaftsminister
Wolfgang Clement
und filmforum-Leiter Kai Gottlob
vor den Plänen des neuen filmforums

Der dringend benötigte zweite Saal wurde Wirklichkeit. Zum Glück, wie die Video-Künstlerin Ruth Bamberg meint, denn im „filmforum“ „klaffen Anspruch und Wirklichkeit – wie sonst häufig – nicht auseinander.“Der Anspruch: „Andere Filme anders zeigen.“ Der Gründer des Kommunalen Kinos, Horst Schäfer, hat diesen Handlungsstrang bereits 1970 ins „Drehbuch“ geschrieben.

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filmforum-Gründer Horst Schäfer
und Regisseur Werner Herzog

Die Wirklichkeit: Das Beste aus den deutschen und europäischen Filmstudios, der etwas andere Blick nach Hollywood, dargeboten in einem Ambiente, das mit Geschmack nicht die Qualität des Popcorns meint. Den Ausbau nennt „filmforum“-Leiter Kai Gottlob deshalb „eine sinnvolle und dringend notwendige Investition“. Denn mit dem kleineren Saal, der 92 Zuschauern Platz bietet, ohne ein Pappschachtel-Kino zu sein, konnte das „filmforum“ sein Programmspektrum erweitern. Das Ideal, auch Filme zeigen zu können, die nicht ein Massenpublikum ansprechen, findet neue Möglichkeiten im realen Duisburg.

Ein Kunstgriff

Rückblende: Alt-Oberbürgermeister Josef Krings darf sich bestätigt sehen. 1970, damals noch als Vorsitzender des Kulturausschusses, griff der SPD-Politiker zu einer ungewöhnlichen Methode, seine Kollegen von der Notwendigkeit städtischer Filmarbeit zu überzeugen. Krings nahm während der Sitzung eine Zeitung und las laut vor, was an diesem Tag dem Publikum in Duisburgs Kinos geboten werden sollte. Große Kunst kann es nicht gewesen sein. Denn am Ende des Vortrags stimmten die Ratsmitglieder der Gründung eines Kommunalen Kinos unter dem Dach der Volkshochschule zu. Zum Start am 27. September 1970 brachte „Wenn die Kraniche ziehen“ von Michael Kalatosow zum ersten Mal Licht in die dunkle Duisburger Kinolandschaft. Die Premiere feierte man im großen Saal der VHS. Später folgte der Umzug ins „Studio M“. 1980 stand dann der Einzug ins eigene Heim am Dellplatz auf dem Programm. In dem Haus, das nach dem Krieg wieder aufgebaut worden war, befand sich schon immer ein Kino. Das Kommunale Kino richtete sich neu ein, verwöhnte seine Gäste mit einem gemütlichen 50er Jahre Ambiente, forderte sein Publikum mit Reihen zu Regisseuren und Darstellern, mit Vorträgen heraus, die über den Rand des 35mm-Films schauten.

Perlen im Schatzkistchen

Das „filmforum“ ist mehr als eine reine Abspielstätte. Im Laufe der Jahre hat es eine Sammlung von alten Kinoschätzen angelegt. Die Schatztruhe des „filmforum“-Archivs birgt echte Perlen der Filmkunst: eine Kopie von George Méliès’ Science-Fiction-Abenteuer „Reise zum Mond“ aus dem Jahr 1902. Eine Filmrolle mit dem ersten Hund als Kinohelden konnte das „filmforum“ ebenfalls ausfindig machen und den lange als verschollen geltenden Klassiker „Gerettet von Rover“ aus dem Jahr 1905 archivieren. In den Regalen des Kommunalen Kinos lagern außerdem Kopien von David W. Griffith Monumental-Epos „Birth of a Nation“ oder Sergej Eisensteins Meilenstein „Panzerkreuzer Potemkin“. Und selbst Filmbilder aus dem Geburtsjahr des Kinos 1895 fehlen nicht. Wichtige Werke der Brüder Lumière, die den Bildern das Laufen beibrachten, verwahrt das „filmforum“ sorgsam.

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das Filmarchiv
im filmforum

Die Bedeutung des filmhistorischen Archivs, das zu den größten in Nordrhein-Westfalen gehört und eine Vielzahl von weltweit einmaligen Aufnahmen beherbergt, lässt sich gar nicht überschätzen.

Kinohits made in Duisburg

Wichtige Wegmarkierungen der Duisburger Stadtgeschichte hielt das Kommunale Kino ebenfalls fest. Als Regisseur brachte sie Kai Gottlob mit den beiden Filmen „Duisburg – 1914/45“ und „Duisburg – 1945/66“ auf die Leinwand. Was kaum jemand weiß, die beiden Stadthistorischen Skizzen, gesprochen von Winfried Scharlau und Manfred Krug, gehören zu den meist gesehenen Filmen in Duisburg überhaupt.

Duisburgs Filmfesten bietet das Dellplatzkino ebenfalls die geeigneten Säle: Die Filmwoche, das wichtigste Festival für den deutschsprachigen Dokumentarfilm, besitzt international ein hohes Renommee. Festival-Leiter Werner Ruzicka ist begeistert von den Möglichkeiten, die das filmforum auch der Filmwoche bietet. Ebenfalls über die Grenzen Deutschlands bekannt, wenn auch nur bei einer speziellen Klientel, ist das Internationale Amateurfilm-Festival. Die Woche der nicht-professionellen Filmemacher bietet mehr als Heimkino vom Leben unterm Tannenbaum. Die Produktionen haben Format, zeigen, wie man auch mit kleinem Budget großes Kino verwirklichen kann.

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open-air im landschaftspark

Ein Filmfest ganz anderer Art ist das „Stadtwerke-Sommerkino“, das jährlich über 25.000 Zuschauer zu vier Wochen filmischer Sommerfrische vor dem Hochofen im Landschaftspark-Nord erwärmt. Das „filmforum“ in Veranstalter-Gemeinschaft mit der Landschaftspark-Gesellschaft hat das Freiluft-Vergnügen zu einem Blockbuster in Duisburg gemacht.

Lubitsch und die Detektive

Andere Filme – anders zeigen: Was dies bedeutet, mögen vielleicht noch einmal ein paar Beispiele deutlich machen. Mit detektivischem Scharfsinn spürte das filmforum die Filmmusik zu dem Ernst Lubitsch-Klassiker „Madame Dubarry“ auf. Im Theater der Stadt Duisburg kam das Meisterwerk in dem Jahr 1995 zur Aufführung. Aus gegebenem Anlass spielte das „filmforum“ „Jeanne d’Arc“ in der Salvatorkirche ebenfalls mit Live-Musik. Die Duisburger Akzente bereichert man mit einem eigenen Filmprogramm. Eine richtige Fangemeinde haben die Filmanalysen des Mannheimer Experten Dr. Peter Bär. Mit sicheren Schnitten seziert der Fachmann große Kinohits und zeigt den Cineasten, was der gemeine Zuschauer auf den ersten Blick nicht zu sehen vermag. In Duisburg gelingt der Blick über die Schulter des Regisseurs nur am Dellplatz. Die Krimiautorin Silvia Kaffke beschreibt das Phänomen „filmforum“ so: „Hier habe ich gelernt, Filme zu sehen.“ Mehr geht eigentlich nicht.

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10.03.2010

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